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geistige Gefährdungen

[gG:] Der Westen zwischen Wissenschaft und Wahnsinn

Dieses West Window bietet einen Streifzug durch die Tagespresse, der angesichts des polemischen Gehalts selbiger selbst hin und wieder ins Polemische gerät. Das soll daran erinnern, dass zum freien Wort, dem Gralsgut des westlichen Liberalismus, auch die Auseinandersetzung gehört, die im Wettstreit der Meinungen an die Annäherung an Wahrheit dienlich ist. Dieser Diskurs fehlt heute zwar nicht, aber findet kaum mehr in der Öffentlichkeit statt.

Wir beginnen mit Sybille Anderl und ihrem Bericht im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen vom 5. Juli von den hochkarätig besetzten Lindauer Online Science Days. Die Diskussionen zwischen Nobelpreisträgern drehten sich dabei allerdings nicht um Wissenschaft selbst, sondern um das Verhältnis von Wissenschaft zu Politik und Öffentlichkeit. Darum, wie und ob die Politik beraten werden könne und dürfe; ob inhaltliche Verkürzungen vertretbar seien und wie Verantwortung handzuhaben sei. Auf Resultate dieser Diskussion geht der Artikel nicht ein. Stattdessen widmet er sich der Auseinandersetzung zwischen dem mit den Notstandsmaßnahmen abrechnenden und der Wissenschaft Versagen vorwerfenden Biophysiker Michael Levitt und dem Moderator Peter Doherty. Letztlich stellt sich die Autorin ganz auf Seiten Dohertys und beantwortet damit indirekt die von ihr aufgeworfene Frage, wie man mit „Angriffen aus den eigenen Reihen“ umgehen solle.

Nämlich damit:

auf inhaltliche Fragen nicht einzugehen
 auf individuelle Erfahrungen von Autoritäten zu verweisen, so die allgemeine wissenschaftliche Perspektive zugunsten potentiell beängstigender und dekontextualisierter Empfindungen verlassend („Letzteres Missverständnis konnte Peter Doherty unter Verweis auf die ihm nur allzu vertrauten medizinischen Details der Erkrankung schnell ausräumen“)  
und wenn nicht alles „konfliktvermeidend wegmoderiert“ werden kann, dann wird der Kritiker kurzerhand – da man tunlichst die wissenschaftlicher Ebene zu vermeiden hat – von besagtem Doherty der Lächerlichkeit preisgegeben: „Die Menschen sehen es nicht gerne, wenn um sie herum andere Menschen sterben. Aus seltsamen Gründen stört es sie.“

Davor wurde dem Kritiker, der partout nicht die Unterwerfung der Wissenschaft unter die Politik akzeptieren will, bereits Realitätsferne attestiert, weil er vor dem Hintergrund einer „halber Million Toten“ die Gefährlichkeit des Virus als „exakt so gefährlich wie die Grippe“ bezeichnete.[1]

Worauf nun die Autorin nicht eingeht, ist die jährlich zwischen 290.000 und 645.000 variierende Zahl der weltweiten Grippetoten.[2] Glücklicherweise zeigen die Statistiken der meisten Länder höchstens eine marginale und nur punktuelle Übersterblichkeit. Natürlich kann auch hier der Virus nicht als alleinige Ursache angesehen werden. Die als „Lockdown“ bezeichneten Maßnahmen, die nicht bloß eine zeitweilige und weiterhin anhaltende Aussetzung von Grundrechten bedeutet, sondern auch die Selbstabdankung des Parlaments, könnten auch dazu beigetragen haben.[3] Diese Diskussion ist hier nicht zu vertiefen. Die Statistik der Sterbefälle für Deutschland aber weist allerhöchstens eine ganz leichte Übersterblichkeit gegenüber 2019 aus, nicht aber gegenüber 2018.

Ungeachtet der Tatsachen, dass erfreulicherweise überhaupt nicht so viel mehr Menschen sterben als sonst, diejenigen, die sterben, ein Alter erreicht haben, das mehr oder weniger der durchschnittlichen Lebenserwartung entspricht, ist das Schlusszitat Dohertys, mit dem Anderl ihren Artikel abschließt, selbstredend kein Sarkasmus, sondern eine verwerfliche Unverschämtheit, da sie mit der wissenschaftlichen Auseinandersetzung nichts zu tun hat und lediglich Levitt als einen Unmenschen diffamieren soll, dem es egal sei, wenn neben ihm Menschen stürben. In dem Artikel geht es also recht unverhohlen darum, mögliche Diffamationsstrategien zu unterbreiten, falls sich tatsächlich immer noch Wissenschaftler finden sollten, die sich nicht der herrschenden Linie von Teilen der Politik und Medien unterwerfen und weiter versuchen wissenschaftlichen Fragen nachzugehen, statt den Machthabern nach dem Maul zu reden. Der im Harper’s Magazine erschiene Brief A Letter on Justice and Open Debate von bedeutenden Schriftstellern und Intellektuellen unserer Zeit über den drohenden Tod der öffentlichen Debatte und das Ende des freien Wortes im Westen thematisiert dieses alarmierende, schon lange schwelende, aber jetzt rasend um sich greifende Phänomen der Zensur, des Rufmords und die Schwierigkeit, abweichende Meinungen zu äußern: also all das, was die westliche Propaganda China und Russland nicht immer zu Unrecht vorwirft.

Durchaus, um zum aktuellen Rufmordfall zurückzukehren, kann der Vergleich mit der Grippe, der aber allenthalben eine so wichtige grobe Einordnung erlaubt, hinken. Dem ist dann mit erkenntnistheoretischen oder wissenschaftlichen Aussaugen zu begegnen, wie sie etwa der Stanforder Epidemiologe John P.A. Ioannidis vorbringt, der auf die trotz der circa gleichen Sterblichkeitsrate entscheidenden Unterschiede verweist.[4] Wissenschaftliche Wahrheit lebt vom bewussten, offenen und reflektierten Umgang mit Fehlern. Wissenschaftler dürfen, können, ja müssen sich irren, denn geirrt werden kann nur, wo Wahrheit erkannt und gesucht werden kann. Sie leben und lernen davon und erzielen damit Erkenntnisgewinne. So zitiert die Jüdische Allgemeine den von Frau Anderl diffamierten Nobelpreisträger Levitt, die dessen Thesen tatsächlich journalistisch, also berichtend, neutral und nicht wertend aufbereitet, mit in selbe Richtung zielenden Worten: „Ein guter Wissenschaftler, sagt Levitt, irre in 90 Prozent der Fälle, ein exzellenter Wissenschaftler aber in 99 Prozent der Fälle – weil er sich eben an die wirklich interessanten Fragen heranwage.“[5]

Der Unterschied zum Politiker und dem heute dominanten Typus des Journalisten ist, dass erkannter Irrtum zur Revision der Theorie oder Praxis führen muss. Hier könnte die Wissenschaft Politik und Verlautbarungsjournalismus tatsächlich etwas beibringen. Bringen hingegen Politiker, Journalisten und willfährige Wissenschaftler die wissenschaftliche Gemeinschaft auf Linie, was sollte die Wissenschaft der Politik und Öffentlichkeit überhaupt noch sagen? Ein höriges legitimierendes Akklamationsorgan kann Wissenschaft zum Preis der Selbstaufgabe niemals sein. Doch nun zurück zur Wissenschaft und Prof. Ioannidis. Dessen Metastudie beziffert die Sterblichkeitsrate [infection fatality rate] von COVID-19 zwischen 0.02 % und 0.40 %. Seine Schlussfolgerung ist folgende:

„While COVID-19 is a formidable threat, the fact that its IFR [infection fatality rate] is much lower than originally feared, is a welcome piece of evidence. The fact that its IFR can vary substantially also based on case-mix and settings involved also creates additional ground for evidence-based, more precise management strategies. Decision-makers can use measures that will try to avert having the virus infect people and settings who are at high risk of severe outcomes. These measures may be possible to be far more precise and tailored to specific high-risk individuals and settings than blind lockdown of the entire society. Of course, uncertainty remains about the future evolution of the pandemic, e.g. the presence and height of a second wave. However, it is helpful to know that SARS-CoV-2 has relatively low IFR overall and that possibly its IFR can be made even lower with appropriate, precise non-pharmacological choices.“

Der Notstand ist also wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen. Die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache. Eigentlich selbstverständliche Schutzmaßnahmen in Alten- und Pflegeheimen kann man auch ohne einen Notstand durchführen.

Wer nun aber die Wirklichkeit der Fakten nicht mehr von der Fiktion einer ungeheuren Gefahr unterscheiden kann, den muss man schlichtweg als wahnsinnig betrachten. Freilich ist es schwer zu sagen, wie weit der kollektive Wahnsinn im Westen um sich greift. Denn die Politik und Medien wie das Gros der „Opposition“ im Bundestag scheinen an einem Einhalt des Wahnsinns kein Interesse mehr zu besitzen. Nachdem die Regierung und die ihr angehängten Medien zunächst diejenigen als „Verschwörungstheoretiker“ diffamierten, die vor dem Virus warnten, hat sie mit Einführung des Notstands ihren Standpunkt gewechselt. Seitdem sind alle, die den vormaligen Regierungsstandpunkt vertreten sogenannte „Verschwörungstheoretiker“. Damit sind in diachroner Perspektive also eigentlich alle bis auf die Agnostiker „Verschwörungstheoretiker“. Dass diese Politik des Wahns überall „Verschwörungstheoretiker“ am Werke wähnt, verwundert kaum mehr. Über Ursachen und Gründe des Positionswechsels der Regierung können und sollen hier keine Vermutungen angestellt werden. Die Frage muss weiteren Untersuchungen harren, sicher einem unabhängigen Untersuchungsausschuss. Bisher gibt es beklemmenderweise nur von ziviler Seite Initiativen.[6] Der Staat scheint an großangelegten Studien zu der laut Merkel „größten Katastrophe seit dem 2. Weltkrieg“ ohnehin ein eher untergeordnetes Interesse an den Tag zu legen. Dies ist erstaunlich, wurde der Ausnahmezustand doch gerade versucht über wissenschaftliche Daten zu legitimieren. Fakt ist, dass eine Politik, die sich gegen die wissenschaftliche Wahrheit verschworen hat, von Fakten nicht mehr überzeugen lassen wird und angesichts ihrer erwähnten Wende um 180 Grad gegen die Wahrheit zum Preis eines vollendeten Gesichtsverlusts auch nicht mehr kann. Sie muss fortan gegen Wissenschaft und Wahrheit regieren. Da mag der Ausnahmezustand zupasskommen.

Gewissermaßen „regiert“ der Westen schon lange gegen Wissenschaft und Wahrheit, zumal man seit mindestens 50 Jahren weiß, dass ein Weiterwirtschaften nach kapitalistischem Profitmechanismus den die Menschheit bedrohenden Klimawandel nicht stoppen, sondern nur beschleunigen kann. Die andeutungsweise von Fridays for Future gezogene Konsequenz, ausgedrückt im Motto „System change, not climate change“, also das Anwenden von Vernunft, führt heute freilich zur Beobachtung durch den Verfassungsschutz, wie die ebenso beobachtete junge Welt meldet.[7] Dazu wird das weiter unten folgende Zitat zum Wahnsinn passen. Womöglich ist es kein Zufall, dass die postmoderne Apologetik des Wahnsinns einer Apologie wahnsinniger Politik gleichkommt.

Doch zurück zum gegenwärtigen Wahnsinn, dessen Tragweite aber noch deutlicher wird, wenn kontrastiert mit der massiven und akuten realen Gefahr des Klimawandels. Dass bis auf Giorgio Agamben und Peter Sloterdijk fast keine Widerworte aus den Geisteswissenschaften zu vernehmen sind, ist ein weiter Punkt, der dringend aufgearbeitet werden muss, falls einem am Fortbestehen der Geisteswissenschaften gelegen ist. Ein Verweis darauf, dass die meisten Meinungsführer selbiger den Ausspruch ihres Säulenheiligen Foucaults, wonach man „den Wahnsinn akzeptieren, ihn in sich aufnehmen“ müsse, anscheinend ernster als dieser selbst nehmen, ist nicht mehr als ein Indiz neben dem verbreiteten erkenntnistheoretischen Nihilismus, der keine Wahrheit mehr für möglich hält und die Unterscheidung zwischen Schein und Sein, Nichtwissen und Wissen schon längst aufgegeben hat.[8] Zu hoffen bleibt, wie stets, dass die Wahrheit siegen wird, denn die von Foucaults recht perversem Vorbild Bataille inspirierten satanischen Wahnzustände wären wahrlich verheerender als ein zum Glück relativ ungefährlicher Virus:

„Madness fascinates because it is knowledge. It is knowledge first of all because all [its] absurd [manifestations] are in truth the elements of a difficult, esoteric, closed knowledge. […] What does it announce, this knowledge of madmen? Doubtless, because it is forbidden knowledge, it anticipates at the same time: the reign of Satan, and the end of the world; the final bliss and the ultimate punishment; the almighty power on earth and the infernal downfall. […] The earth catches fire. […] The world sinks into universal furor. Victory belongs neither to God nor the Devil; it belongs to madness.“[9]

Üblicherweise gehört zum westlichen Selbstverständnis die Betonung von Freiheit und Demokratie, Rechtstaatlichkeit und vor Staatswillkür schützender Grundrechte, Wissenschaftlichkeit und Rationalität. Die Wissenschaften übrigens müssen frei sein, sonst sind sie nicht. Leider muss man heutzutage diese vormaligen Selbstverständlichkeiten aussprechen. Es bleibt abzuwarten, ob der Westen sich seiner Stärken nochmals besinnen kann oder in Wahnsinn und Despotismus versinkt. Dass auf Deutschlandfunk Kultur von einem Professor schon zum Sturm auf Kants Statue, also auf die Aufklärung selbst, geblasen werden darf, zumindest verheißt, dass der Virus des Wahnsinns naturgemäß gerade auch die oberen Gehirnregionen infizieren kann.[10] Spätere Generationen werden aber sicherlich die Frage stellen, ob solche Attacken auf die Aufklärung wie beispielsweise in der FAZ, wo sich jemand ohne Scham auf die Aufreihung „Kant, Hitler, Churchill“[11] versteigt, nicht etwas damit zu tun haben mögen, dass heute deutsche Panzer wieder nur hundert Kilometer vor Leningrad stehen, dass in der Ukraine mal wieder ein Vasallenregime installiert wurde, Jugoslawien bereits vor der Jahrtausendwende zum dritten Mal innerhalb eines Jahrhunderts zerstört wurde – kurzum damit, dass der deutsche Imperialismus wieder zurück ist und im Schatten des etwas schwächelnden amerikanischen weidlich gedeiht?

Denn dass solcherlei professorale Bilderstürmerei gerade die den Nazis verhassten Philosophen wie Kant, Hegel und Marx trifft, dies stellt eine eklatante und höchst gefährliche Verharmlosung des Nazismus dar. Derweil in Coburg, wie Jens Berger berichtet, unter dem Banner des „Antirassismus“ ausgerechnet ein Schwarzer aus dem Stadtwappen entfernt werden soll! Daran scheiterten anno dazumal gar Hitlers Schergen.[12] Marx sei einer der „übelsten Rassisten“[13] grölt der Lumpenbourgeois… Marx! Nicht Hitler! Ersterer war noch selten bei den Herrschenden beliebt. Letzterer mag vielleicht etwas grob vorgegangen sein, wird man sagen, aber die Aufgaben und Ziele habe er schon richtig gesehen, wie zwei Zitate von zwei deutschen Politikern zeigen können. Das erste Zitat ist von Klaus Kinkel aus dem Jahr 1993. Das zweite von Annegret Kramp-Karrenbauer aus diesem Jahr.

„Zwei Aufgaben gilt es, parallel zu meistern: Im Inneren müssen wir wieder zu einem Volk werden, nach außen gilt es, etwas zu vollbringen, woran wir zweimal zuvor [unter Wilhelm II. und Adolf Hitler] gescheitert sind: Im Einklang mit unseren Nachbarn eine Rolle zu finden, die unseren Wünschen und unserem Potential entspricht. Die Rückkehr zur Normalität im Inneren wie nach außen entspricht einem tiefen Wunsch unserer Bevölkerung seit Kriegsende. Sie ist jetzt auch notwendig, wenn wir in der Völkergemeinschaft respektiert bleiben wollen. Unsere Bürger haben begriffen, dass die Zeit unseres Ausnahmezustandes [der deutschen Teilung] vorbei ist.“[14]

„Ich bin der festen Überzeugung, dass Deutschland in seiner Geschichte unendliches Glück hatte, weil es eigentlich immer zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Kanzler, die richtige Kanzlerin hatte für die Dinge, die getan ­werden mussten.“[15]

Der aktuelle Wahn, ist zu mutmaßen, hätte nie ausbrechen können ohne den Wahn des gattungssuizidalen Festhaltens am Kapitalismus und dessen alter ego: dem Imperialismus. Warum? Weil er weitestgehend von denjenigen geschürt wird, denen am Erhalt des status quo und seiner tödlichen Tendenzen liegt. Neben dem Klimakollaps kann die imperialistische Konkurrenz jederzeit einen neuen Weltkrieg auslösen. Sicher nicht nur Frankreich bereitet sich darauf vor. Die Kriegsvorbereitungen der NATO gegen Russland wie China sind offenkundig schon länger im Gange.[16] Was die kryptische Aussage des amerikanischen Außenministers, Mike Pompeo, wonach wir uns mit der Corona-Lage in einer „live exercise“ befänden, bedeuten kann, ist kaum zu sagen. Doch zumindest bietet sie einen Hinweis darauf, dass der Coronawahn nicht unabhängig von der geopolitisch extrem angespannten Weltlage zu deuten sein könnte.[17]

Dieser allgemeine Wahnzustand scheint nur mehr durch Angst und autoritäre Gewalt nach innen und außen aufrechtzuerhalten zu sein. Bisher geht die Strategie der „Schockwirkung“ voll auf, wiewohl die Tatsache ihrer Anwendung die Morschheit des Palastes und seiner bröckelnden Fassade und die Angst seiner Bewohner vor den Hütten erahnen lässt. Die Maske der Macht ist just zu dem Zeitpunkt ab, als man sie dem Volk gleichsam als mehr als metaphorischem Maulkorb aufzwang. Der enorme Anstieg an Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit verstärkt noch die bestehenden massiven sozialen Ungleichheiten im weltweiten wie nationalen Maßstab, vom traurigem Anstieg der Hungernden ganz zu schweigen. Das zieht enorme gesellschaftliche Destabilisierungstendenzen nach sich, die systemimmanent nur noch durch Gewalt- und Kontrollmaßnahmen (Stichwort Digitalisierung) vorläufig steuerbar erscheinen. Die weltweiten Probleme werden durch ein Weiter so nur potenziert. Um sie wirklich anzugehen, muss man dem Wahnsinn die Maske von der Fratze reißen. Vielleicht mag dies ein Erwachen aus dem kurzweiligen gegenwärtigen Wahn herbeiführen und Raum zur Erkenntnis geben, dass die wirklichen und weitaus größeren Gefahren woanders liegen.

Die Wahrscheinlichkeit sich in Hamburg mit COVID-19 zu infizieren sei so groß wie im Lotto zu gewinnen, äußert ein Hamburger Mikrobiologe.[18] Die Wahrscheinlichkeit daran zu sterben liegt wohl, je nach Validität der Datengrundlage, wie oben dargelegt, zwischen 0.02% to 0.40%. Deshalb Angst zu haben, ist reiner Wahnsinn, erst recht, wenn man noch nicht alt und relevant vorerkrankt ist. Deshalb auf seine Grundrechte zu verzichten, ist eine große und möglicherweise verhängnisvolle politische Dummheit.

Doch wir wollen mit der Wissenschaft schließen, die kaum dazu taugt falsche Sicherheit vorzuspielen, wo sie nicht existiert. So ist es auch mit den PCR-Tests, die zur Detektion von COVID-19 dienen sollen. Die Koryphäe auf diesem Gebiet, Stephen Bustin, hielt bereits 2017 in einer Studie fest, dass die Mehrzahl an auf RT-qPCR basierenden Forschungen auf einer Datengrundlage basieren, die man aller Wahrscheinlichkeit nach nur als „technical noise“ bezeichnen könne, also als völlig wertloses Rauschen.[19] Ein PCR-Test ist überdies überhaupt nicht in der Lage, Infektionen nachzuweisen. Er kann lediglich bestimmte Gensequenzen erkennen. Ein solcher Positivtest auf eine gesuchte Gensequenz kann allerhöchstens als Indiz für eine Infektion interpretiert werden, keineswegs als Nachweis. Man schämt sich fast zu erwähnen, dass aufgrund solcher „Tests“ heute Menschen die Freiheit entzogen wird, aber soweit ist es. Damit aber ist die auf solchen Tests erhobene Datengrundlage, die zur Rechtfertigung des Notstands herangezogen wurde und wird zumindest ebenso, wenn nicht noch fragwürdiger als sie ohnehin bereits ist. Trotz der Unsicherheit hinsichtlich der Bemessung und Feststellung der Krankheit bleibt beruhigenderweise die aus dem Ausbleiben einer nennenswerten Übersterblichkeit und dem sehr hohen Durchschnittsalter der vorgeblich an Corona Verstorbenen resultierende Gewissheit, dass es schlicht keine tödliche Gefahr für die Gesellschaft im Ganzen gibt. Man sollte Verstand und Wissenschaftlichkeit mehr berücksichtigen, denn nur diese helfen gegen Wahnsinn.

Der Westen, so Max Webers viel diskutierte These von vor mehr als hundert Jahren, unterscheide sich vom Nicht-Westen durch eben seine Rationalität und Wissenschaft. Heute etwa durch Unvernunft und Aberglaube, gar Wahnsinn?

Schaut man in den Westen des westlichen Westens, nach Seattle, wo der Vogel schon abgeschossen wurde, dann muss man schon fürchten, dass unter dem Mantel des angeblichen Antirassismus eine neue Welle der Segregation im Geiste des rechtsradikalen Ethnopluralismus eingeführt wird, wenn auch im Namen der sich als progressiv tarnenden Vertreter der Identitätspolitik, die im Grunde, ironischer- oder tragischerweise, dasselbe erreichen, was die tatsächlichen Rassisten wollen: die Segregation vermeintlicher „Rassen“. So soll es an amerikanischen Universitäten schon je nach Herkunft verschiedene Abschlussfeiern geben. In Seattle nun gar wird die Einführung einer – und das ist wirklich keine Satire – „Ethnomathematik“ an Schulen geprüft, weil 2+2=4 angeblich ein Zeichen der white supremacy sei wie überhaupt Bildung und Wissenschaft![20] Sprich, den Schwarzen und Latinos, aber sicher auch den armen Weißen, wird man dann eine „andere Mathematik“ beibringen und überhaupt eine „andere Bildung“, sodass sie auf ewig in ihrer sozialen Lage vegetieren und der Oberschicht die Toiletten putzen, während die Kinder der Oberschicht sicher weiter „weiße“ Mathematik studieren und die entsprechende Karriere machen werden. Wo ist hier eigentlich noch der Unterschied zum tatsächlich übelsten Rassismus, der anderen Ethnien eine minderwertige Verstandeskapazität attestiert? Hinter der Segregation und gezielten Verblödung der Unterklassen kann man nur einen Klassenkampf von oben erkennen, der die Unterschicht teilen und gegeneinander aufwiegeln soll. Mit Gerechtigkeit und Fortschritt hat das so wenig zu tun wie Martin Bormann, der aber immerhin noch die Notwendigkeit sah, dass die kolonisierten Slawen bis 100 zählen können sollten:

„Die Slawen sollen für uns arbeiten. Soweit wir sie nicht brauchen, mögen sie sterben. Bildung ist gefährlich. Es genügt, wenn sie bis 100 zählen können. Höchstens die Bildung, die uns brauchbare Handlanger schafft, ist zulässig. Jeder Gebildete ist ein zukünftiger Feind. Die Religion lassen wir ihnen als Ablenkungsmittel. An Verpflegung bekommen sie nur das Notwendige. Wir sind die Herren, wir kommen zuerst.“[21]

Die Intentionen zur Perpetuierung sozialer Ungleichheit und Rassismus hinter dem antiwestlichen Angriff auf westliche Werte lassen sich also nicht mehr verbergen. Der vermeintlich progressive Kulturkampf, der ja auffälligerweise stets nur aufklärerische und fortschrittliche westliche Denker statt reaktionäre und gegenaufklärerische trifft, zeigt damit letztendlich, dass er den Westen deshalb angreift, weil gerade der Westen für Werte wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit steht. Weil es gerade westliche Werte sind, die Marxens kategorischen Imperativ nach sich ziehen, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“[22]

Wie Georg Lukács in seinem heute wieder wichtigen Werk Die Zerstörung der Vernunft von 1954 meisterhaft zeigt, stand der damalige, auch die große Aufnahmebereitschaft an den deutschen Universitäten für den Nationalsozialismus vorbereitende Irrationalismus in der deutschen Philosophie und Geisteswissenschaft durchaus im Zusammenhang mit einer Abwehr einer gerechteren und sozialeren Welt zugunsten des Adels und der Kapitalistenklasse.

Wohin der damalige Wahnsinn führte, ist manch einem vielleicht noch bekannt. Dass der Wahnsinn heute so grassieren kann, ist daher äußerst beunruhigend. Die Frage scheint, ob der Westen anders als 1914 und 1933 diesmal vor der Katastrophe zur Vernunft kommt oder weiter auf der Welle des Wahnsinns in den Abgrund reitet?


[1] Sybille Anderl, Jenseits der Kernexpertise. Wissenschaft in Krisenzeiten, FAS vom 5.7.2020.

[2] Weltweite Studie: Zahl der Grippetoten höher als gedacht, Pharmazeutische Zeitung vom 20.12.2017.

[3] Thomas Moser, Auslaufmodell Ausnahmezustand, Telepolis vom 4.05.2020.

[4] John P.A. Ioannidis, The infection fatality rate of COVID-19 inferred from seroprevalence data, medRxiv preprint, 19. Mai 2020, S.14: „A comparison of COVID-19 to influenza is often attempted, but this may be an uneven comparison. At a very broad, bird’s eye view level, worldwide the IFR of COVID-19 this season may be in the same ballpark as the IFR of influenza (0.1%, 0.2% in a bad year). According to this scenario, which needs further verification, COVID-19 may have infected as of May 12 approximately 200 million people (or more), far more than the ~4.2 PCR-documented cases. However, influenza devastates developing countries, but is more tolerant of wealthy nations, probably because of the availability and wider use of vaccination in these countries. Conversely, in the absence of vaccine and with a clear preference for elderly debilitated individuals, COVID-19 may have an inverse death toll profile, with more deaths in wealthy nations than in the developing world. However, even in the wealthy nations, COVID-19 seems to affect predominantly the frail, the disadvantaged, and the marginalized – as shown by high rates of infectious burden in nursing homes, homeless shelters, prisons, meat processing plants, and the strong racial/ethnic inequalities against minorities in terms of the cumulative death risk.“

[5] Chemie-Nobelpreisträger Michael Levitt kritisiert grobe Fehler im Kampf gegen das Virus, Pierre Heumann, Jüdische Allgemeine vom 20.05.2020.

[6] „Stiftung Corona Ausschuss“ hinterfragt Corona-Beschränkungen. Privater Zusammenschluss von Juristen hat Zweifel an Datengrundlage, MDR vom 11.07.2020.

[7] Claudia Wangerin, Status quo statt Grundgesetz, junge Welt vom 11.07.2020.

[8] Vgl. Michel Foucault, Histoire de la folie à l’age classique (Paris: Gallimard, 1976 [1961]), S. 45.

[9] Michel Foucault, Histoire de la folie à l’age classique, zitiert nach: Guido Giacomo Preparata, The Ideology of Tyranny. The Use of Neo-Gnostic Myth in American Politics, Palgrave Macmillan 2007, S. 83–84.

[10] Antirassistischer Denkmalsturm. Auch der Philosoph Immanuel Kant steht zur Debatte. Michael Zeuske im Gespräch mit Gabi Wuttke, DLF Kultur vom 13.06.2020.

[11] Timo Frasch, Unglaublich. Fraktur zu Markus Söder, FAZ vom 11.07.2020.

[12] Jens Berger, Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr soll weichen, Nachdenkseiten vom 7. Juli 2020.

[13] Wolfram Weimer, Karl Marx war einer der übelsten Rassisten, ntv vom 16. Juni 2020.

[14] Zum Tode von Klaus Kinkel. Im Einklang mit den Nachbarn unsere Rolle finden, Der Tagesspiegel vom 15.03.2019.

[15] ARD-Sommerinterview, gesendet am 2.07.2020.

[16] Nathalie Guibiert, L’armée de terre française envisage de futurs affrontements « Etat contre Etat », Le Monde vom 18.06.2020.

[17] Pompeo tells China to share virus details with ‚whole world‘, Business Standard vom 21. März 2020.

[18] Corona-Infektionsrisiko ist so groß wie Gewinn im Lotto, Focus Online vom 27.06.2020.

[19] Stephen Bustin and Tania Nolan, Talking the talk, but not walking the walk: RT-qPCR as a paradigm for the lack of reproducibility in molecular research, European Journal of Clinical Investigation Volume 47, Issue 10, 2017.

[20] Seattle schools propose race-centric “ethnomathematics” curriculum, World Socialist Website vom 6. 12.2019; Is math racist? New course outlines prompt conversations about identity, race in Seattle classrooms, Seattle Times vom 8.10.2019.

[21] Martin Bormann, zitiert von Ernst Piper, Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologie, München 2005, S. 529, zitiert nach Domenico Losurdo, Der Klassenkampf oder die Wiederkehr des Verdrängten. Eine politische und philosophische Geschichte, Köln 2016, S. 201.

[22] Karl Marx/ Friedrich Engels, Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 1. Berlin/DDR. 1976. S. 385.

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