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geistige Gefährdungen

[gG:] [MA] Rassismus bekämpfen. Geschichte anerkennen.

Im Mannheimer Stadtteil Rheinau- Süd wurden mehrere Straßennamen mit kolonialer Vergangenheit umgewidmet. Die Täter dürfen nicht mehr im Vordergrund stehen.

Das Jahr 2020 droht im allgemeinen Gedächtnis vom Corona-Virus überschattet zu werden. Und natürlich muss auf eine Pandemie diesen Ausmaßes umfänglich, aber angemessen reagiert werden. Vielleicht kommt manchen der verengte Fokus auf ein überragendes Thema ganz recht, wenn dieser nämlich von anderen Brennpunkten ablenkt und Verantwortliche dem Handlungsdruck zu entziehen droht.

Zum Beispiel die Häufung brutaler Anschläge und Morde durch rechtsradikale Attentäter, erstarkender und offener auftretender Antisemitismus, oder das menschenverachtende und gefährdende Verhalten von Angehörigen sämtlicher Sicherheitsbehörden.

Auch die Aufarbeitung der kolonialen Geschichte und der Kampf gegen den unsere Gesellschaft durchziehenden Rassismus, konnte zwar als intensives, aber kurzes Blitzlicht, ausgelöst durch die weltweiten Proteste um die Black Lives Matter Bewegung, recht schnell wieder aus der Öffentlichkeit verschwinden. Was allerdings auch naheliegt, wenn anerkannt wird, dass unsere Gesellschaft und vor allem die Wirtschaft auch heute noch vom Raub von Rohstoffen, der Aneignung fremder Kulturen und letztlich der Ausbeutung des globalen Südens, weiterhin profitiert. Und wie zum Hohn für die Vorfahren der betroffenen Völker und Kulturen und zum Schmerz der Betroffenen und Bevölkerung ehemaliger deutscher Kolonien, die zum Teil immer noch um die Anerkennung und Entschädigung der verübten Verbrechen streiten müssen, gibt es in Deutschland noch viele Orte, welche die Täter ehren und dabei deren Opfer oft in den Hintergrund drängen und anonym werden lassen.

In Mannheim gibt es noch mehrere Straßen mit den Namen von Kolonisatoren, welchen Ausbeutung, Verschleppung und grausame Verbrechen bis hin zum Völkermord anhängen. Während es der Verwaltung der Stadt Mannheim nun schon lange Zeit schwer fällt dies zu ändern, wurden vergangene Nacht mehrere Straßen von Aktivist*innen umbenannt. Statt der Täter, sollen dadurch die Betroffenen in den Blick geraten.

Über Jahrhunderte haben sich die Erfahrungen der Maafa (Wort aus dem Swahili für die Geschichte der Gräueltaten von Nicht-Afrikaner*innen an Afrikaner*innen) tief in die Identität vieler Menschen eingebrannt und wirken bis heute nach. Die Widerstände und Befreiungskämpfe dagegen, sind für viele weiterhin identitätsstiftend und sollten deshalb nicht weniger Aufmerksamkeit bekommen, als die Ausbeuter, Unterdrücker und Mörder des Kolonialismus.

Der Maji- Maji-Krieg hat eine große Bedeutung für die Völker auf dem Gebiet des damaligen Deutsch- Ostafrika und gilt als der erste große Kolonialkrieg gegen die europäischen Unterdrücker. Dabei war es gelungen mehrere Stämme und Kulturen über ethnische und spirituelle Grenzen hinaus zu solidarisieren und gemeinsam Widerstand zu leisten. Das Deutsche Reich schreckte nicht davor zurück mit brutalster Härte dagegen vorzugehen und selbst Zivilist*innen zu ermorden, was nach Schätzungen bis zu 300.000 Menschenleben forderte.

Auch die Herero und Nama haben versucht sich gegen die Kolonisatoren zu behaupten und Widerstand geleistet. Ein Großteil derjenigen, die nicht bei Kämpfen ums Leben gekommen sind, egal ob Männer Frauen oder Kinder, wurden ermordet oder nach ihrem Rückzug in die Wüste bewusst von der Wasserversorgung abgeschnitten was den sicheren Tod bedeutete. Beim ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts wurden etwa 80% der Herero und Nama getötet. Ihre Nachkommen leben überwiegend im heutigen Namibia und kämpfen weiterhin dafür, dass der Völkermord an ihren Vorfahren durch das deutsche Reich von der BRD anerkannt wird, sowie dass geraubte Kulturgüter (z.B.: Schädel, Kronschmuck, Masken) zurückgegeben werden, welche immer noch in vielen Museen Europas gelagert oder sogar ausgestellt sind.

Mit der Umwidmung der Straßennamen soll an die Kämpfe und den Widerstand gegen das immer noch wirksame Unrecht erinnert und ein Zeichen gesetzt werden, welches die Dringlichkeit der Umbenennung solcher Straßen und Orte verdeutlicht. Dabei dürfen Befindlichkeiten rechter und bürgerlicher Vertreter*innen einer Vergessens- und Überwindungskultur, überhaupt keine Rolle spielen! Wenn völlig zu Recht auch immer wieder gefordert wird, Menschen an Entscheidungen bezüglich der Gestaltung des öffentlichen Raumes zu beteiligen, so sind in Bezug auf rassistische Symbole dabei jedoch nur selten die von Rassismus betroffenen gemeint, sondern lediglich Anwohner*innen oder vermeintliche Expert*innen. Beteiligung kann, und muss dann manchmal auch über die erwünschten Plattformen hinausgehen und sich den Regeln entziehen, welche überwiegend von den Herrschenden bestimmt werden und den status quo mit all seinem Unrecht festigen.

Selbstverständlich verschwindet Rassismus nicht durch das bloße Entfernen seiner Symbole in der Öffentlichkeit. Aber die Betroffenen ins kollektive Bewusstsein zu bringen und ihnen dadurch Präsenz zu verschaffen, trägt mit Sicherheit wesentlich mehr dazu bei Rassismus zu bekämpfen, als die Repräsentation und Ehrung der Täter durch Straßen oder Denkmäler. Der Schmerz derjenigen Menschen, die täglich Rassismus erleben, ob körperlich, verbal, psychisch oder strukturell, und die im öffentlichen Raum auch immer wieder mit rassistischen Symbolen konfrontiert werden, muss endlich ernst genommen werden!

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