"[LE] Sexualisierte Gewalt & Männlichkeit"


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von: "3x Anonym", veröffentlicht am: 20-07-01

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Regionen: Leipzig

Themen: Gender 3x-Anonym

Abstract: Der folgende Text ist das Ergebnis aus drei einzelnen Texten, die wir geschrieben und anschließend zusammengefügt haben. Wir sind drei weiße, hetero Cis-Männer. Manche Abschnitte haben wir in der „Wir-Form“ formuliert und manche in der „Ich-Form“. Wir möchten damit ausdrücken, dass wir aus den gleichen Gründen zusammengekommen sind, unsere Gedanken zu Männlichkeiten und Privilegien aber vor allem auf unseren persönlichen Erfahrungen und Gedanken basieren.




Einleitung – warum das Ganze?

Am 08.04.2020 wurde eine Frau von ihrem Ex-Partner in Leipzig/Connewitz getötet. Jeden Tag versucht in Deutschland ein Mann seine (Ex-) Partnerin zu töten. Jeden dritten Tag gelingt es ihm[1].

Am 12.04.2020 wurde ein Statement[2] zu einem sexuellen Übergriff an einer Frau im Sommer 2018 durch Stefan, den Betreiber des Pivo und Rimini in Leipzig/Connewitz, veröffentlicht. Eine Reaktion von ihm erschien am 26.04.2020[3].

Dies sind nur zwei von vielen furchtbaren Geschehnissen sexualisierter Gewalt, die uns traurig und wütend machen. Und die uns dazu veranlassen zu fragen, warum das passiert und was wir tun können.

Gewalt gegen Menschen innerhalb einer Partnerschaft trifft in den allermeisten Fällen Frauen. Und Gewalt gegen Frauen wird in den allermeisten Fällen durch Männer begangen. Als weiße Cis-Männer[4] liegt es in unserer Verantwortung, unsere eigene Sozialisation, unsere Erfahrungen, unser Erleben und Verhalten im Hinblick auf unsere Männlichkeit zu reflektieren. Es liegt an uns, unsere sexistischen Gedanken und Verhaltensweisen zu erkennen und zu verändern. Es liegt an uns, kein Täter mehr zu sein oder zu werden. Es liegt an uns, einen dahingehend positiven Einfluss auf andere Männer zu haben.

Wir verstehen jetzt, dass das wichtig ist. Aber dafür hat es einige FLINT[5] in unserem Leben gebraucht, die immer wieder Reflexionsarbeit, das Sprechen über eigene Probleme und Gefühle, sowie pro-feministische Positionierungen eingefordert haben. Viele dieser Menschen haben wir sehr verletzt. Es fällt uns nach wie vor nicht einfach und wir möchten betonen, dass wir, wenn überhaupt, erst am Anfang umfassender Veränderungen stehen. Mit diesem kurzen Text möchten wir weder Absolution für unser Verhalten, noch Lob und Anerkennung für unsere Awareness. Wir möchten weiterarbeiten an uns selbst und andere Cis-Männer dazu aufrufen sich ähnlich zu verhalten.



Statement Stefan – Kritik und Distanzierung

Wir möchten uns distanzieren von Stefan und seinem Statement. Er ist und bleibt ein Täter, solange er die Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen missachtet und die Verantwortung für sein Verhalten, für seine sexuellen Übergriffe auf eine Krankheit schiebt, gegen die er nichts unternimmt. Wenn ich weiß, dass ich nachts „sexuell aktiv“ werden kann, wenn ich neben einer Person schlafe und dieses Risiko höher wird, wenn ich vorher Alkohol trinke, dann unterlasse ich beides. Stattdessen schreibt er folgendes: „Sexuell aktiv werden bedeutet in dem Fall dass ich anfange zu „kuscheln“, küssen möchte und wenn man es nicht unterbindet kann es bis zum Geschlechtsverkehr weitergehen. Das alles weiß ich, weil ich das Problem schon jahrelang mit mir rumschleppe“. Er schreibt tatsächlich „wenn man es nicht unterbindet“. Hier vollbringt er eine völlige Täter-Opfer-Umkehr. Stefan sieht sich selbst als Opfer seiner Krankheit (die nie nachgewiesen wurde), als hätte er keinerlei Verantwortung für sein Handeln. Ganz im Gegenteil müssen andere aus seiner Sicht aufpassen, dass er sich ihnen gegenüber nicht übergriffig verhält. Dieser Eindruck verschwindet auch dann nicht, wenn er an anderen Stellen seines Statements von sich als Täter spricht oder schreibt, dass er die Verantwortung dafür hat. Aus unserer Sicht stellt das Statement den Versuch dar, sich als geläuterten Täter zu inszenieren. Er gibt anderen Menschen die Möglichkeit ihn weiterhin zu unterstützen und hofft am Ende geradezu höhnisch, dass er noch eine Chance bekommt, sich hier weiterhin aufhalten und leben zu können. Als wäre er ein willkürliches Opfer der sogenannten „Kiez-Miliz“. Stefan, Du bist nicht Opfer sondern Täter! Solange Du nicht die Ursachen für Deine Taten bekämpfst (neben anderen Menschen schlafen, Alkohol trinken), keine Therapie durchziehst und immer noch victim blaming[6] betreibst (andere sollen sein Verhalten unterbinden), sowie Euphemismen[7] verwendest, um Deine Taten zu beschreiben (Du wirst nicht „sexuell aktiv“, sondern Du bist übergriffig und grenzüberschreitend), so lange bleibst Du Täter und jedes Statement von Dir ein ekelhafter Versuch, deine persönliche Situation zu verbessern. Und das ändert auch ein Umzug in eine andere Stadt nicht.



Solidarisierung mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt

Wir verurteilen jegliche Gewalt an FLINT. Wir möchten uns in aller Form und bedingungslos solidarisch mit Betroffenen sexualisierter Gewalt erklären. Es geht um das strukturelle Problem Sexismus und Männlichkeiten und, inwiefern wir Männer einen Teil dazu beitragen können, dass diese Probleme weniger werden. Denn solange wir unseren Umgang und Verständnis dafür nicht ändern, wird es Täter wie Stefan weiter geben und wir müssen uns die Frage stellen, ob wir nicht alle Täter sind. Denn Täterschaft beginnt nicht erst bei einer Vergewaltigung.

Was bedeutet es nun, sich solidarisch mit Betroffenen sexualisierter Gewalt zu erklären? Wir werden an dieser Stelle bei weitem nicht alle wesentlichen Punkte der Unterstützung nennen (können). Zum einen, weil wir sie uns selbst immer wieder bewusst machen, lernen und anwenden müssen. Zum anderen, weil wir keine Experten in diesem Bereich sind und an anderer Stelle bereits umfassende Leitfaden für die Unterstützung von Betroffenen sexualisierter Gewalt erstellt wurden. Zum Beispiel die Broschüre „Wegbegleitung. Informationen zur Unterstützung von Betroffenen von sexualisierter Gewalt“[8] von Navina N.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit kennen wir alle Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Um Fehler im Umgang mit Betroffenen zu vermeiden und aktive Unterstützung zu leisten, ist es sehr wichtig, sich zu informieren und umfassend mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Zwei Grundsätze sind dabei unabdingbar: Zum einen ist das Geschehene genau so passiert, wie es Dir die Betroffene schildert. Das Erlebte ist zu keinem Zeitpunkt in Frage zu stellen, weder von Dir, noch von anderen Menschen. Dass möglicherweise unterschiedliche Aussagen in der Schilderung von Details auftreten können, tut da nichts zur Sache. Traumata-bedingte Schwierigkeiten bei der Rekonstruktion von Einzelheiten sind nicht untypisch, wie bei jedem anderen Gewaltverbrechen auch. Viel zu oft passiert es, dass die Betroffenen gefragt werden, ob es sich denn wirklich wie geschildert zugetragen hat, ob sie vielleicht unter Einfluss von Drogen oder Alkohol standen, oder welche Kleidung sie getragen haben. Nichts, aber auch gar nichts gibt Dir das Recht, die Betroffene oder das von ihr Erlebte auch nur ansatzweise zu hinterfragen. Zu fragen, welche Verantwortung denn die Betroffene für die sexualisierte Gewalt hatte, ist victim blaming. Aber nicht die Betroffene ist Schuld an der Vergewaltigung. Der Vergewaltiger ist Schuld an der Vergewaltigung!

Zum anderen muss sich alles was Du sagst und alles was Du tust, an den Wünschen und Bedürfnissen der Betroffenen orientieren und mit ihr abgesprochen sein. Vielleicht hast Du das Bedürfnis, Dich einer anderen Person anzuvertrauen, den Täter aufzuspüren und zur Rede zu stellen, Kontakt mit der Polizei aufzunehmen oder ähnliches. Das alles geht nur nach Rücksprache mit der Betroffenen. Nur sie entscheidet was richtig und geboten ist, was ihr hilft und wie Du Dich verhalten sollst. Das Gleiche gilt auch für die Konfrontation mit der Thematik. Fang nicht von alleine an über sexualisierte Gewalt zu sprechen. Wenn Du das Bedürfnis hast darüber zu reden, dann frag vorher nach, ob das für Deine Gegenüber in Ordnung ist. Akzeptiere ein „Nein“. Das sollte im Übrigen immer gelten, denn es ist gut möglich, dass Menschen in Deinem Umfeld Betroffene sind, ohne dass Du davon weißt.



Persönliche Sichtweisen zu Männlichkeiten und Privilegien

Wir haben die beiden oben erwähnten Fälle (Femizid und sexualisierte Gewalt) kurz beschrieben, uns von Stefan sowie seinem Statement distanziert und derden Betroffenen sexualisierter Gewalt unsere bedingungslose Solidarität ausgesprochen. Wir wollen aber mit diesem Text darüber hinaus gehen und unser eigenes Verhalten reflektieren, kritische Verhaltens- und Gedankenweisen identifizieren und verändern, und möglichst offen kommunizieren. Dazu folgen einzelne Gedanken von uns.

Eigene Privilegien zu erkennen, ist bisweilen schwerer als gedacht. Nicht, weil sie kaum sichtbar wären, sondern gerade weil sie so offensichtlich sind, werden sie als gegeben hingenommen. Auf eigene Faust Reisen, nachts alleine nach Hause laufen, oder in einem Klub unbeschwert und ohne Angst auf die Toilettenräume gehen und sie wieder verlassen, auf deren Tür ein ´Männchen´ abgebildet ist. Alles Dinge, die ich ohne groß zu überlegen mache, die viele Frauen, Lesben, Intersexuelle, Nicht-binäre und Trans-Personen aber nicht so unbeschwert tun können. In meinem Verhalten ist diese Perspektive aber oft noch nicht angekommen.

Auf die Nachfrage einer mir unbekannten Person, ob in einem gewissen Verein nur Frauen mitwirken können, antwortete ich, dass ich es nicht genau weiß, aber vermute, dass Transfrauen durchaus dort partizipieren können. Die Person mir gegenüber erwidert ruhig, dass es sich ja in diesem Beispiel um Frauen handelt. Mit einigen wirren Sätzen, in denen ich die Wörter “Cis-Männer” und “FLINT” reinwerfe und versuche zu zeigen, dass ich nicht transfeindlich bin, endet schließlich das Gespräch.

Eine Freundin, deren Eltern sich täglich bei ihr melden, habe ich beschmunzelt und es für übertriebene Besorgnis gehalten und sie dadurch als abhängig wahrgenommen. Daraufhin erklärte sie etwas, das ich zwar wusste, aber nicht damit gedanklich in Verbindung gesetzt hatte. Sie lebt in einer Region, in der eine relativ hohe Rate an Femiziden herrscht. Dennoch kommt es mir in dem Moment etwas übertrieben vor jeden Tag anzurufen, aber ich lasse das Thema sein.

In universitären Arbeiten oder öffentlichen Texten mache ich mir immer wieder Gedanken, wie ich mit Begriffen schreiben kann, die möglichst wenig Menschen diskriminieren. Sich über inklusive Sprache Gedanken zu machen, ist ein wichtiger Ansatz, und fördert kritische Denkprozesse. Einen Text korrekt zu gendern ist aber kein Garantie dafür, das Geschriebene auch verinnerlicht zu haben. Sich ab und zu mit feministischer Literatur und
queerness*zu befassen, hat mich nicht davor bewahrt, einen Teil von der Bevölkerung, der sich als Frauen definiert, davon in Gedanken kategorisch abzutrennen, und als Trans- zu sehen, nicht als Frauen. Auch eine reale, stetige Gefahr von Gewalt an Frauen (Femizide) indirekt (weniger bewusst, mehr wegen fehlender Reflektion) belächelt zu haben ist einfach nur daneben. Dass Männer Gewalt gegenüber Frauen, allgemein gegen FLINT-Personen ausüben, wissen eigentlich alle. Aber im Kopf passiert das ja immer woanders, bei anderen, nicht da wo Ich bin, nicht in meinem Umfeld.

Konkrete Begriffe zur Hand zu haben, die eine Vorstellung von zwei gegenübergestellten Gendern aufbrechen ist schön und gut. Diese Begriffe bei einem Hinweis auf diskriminierende Gedanken und Sprache gegenüber Transpersonen rauszuplappern, um souverän zu wirken und sich keiner Fehler einzugestehen, ist jedoch für niemanden hilfreich.

Ich bin der typische Cis Mann Macker. Ich bin groß, weiß, komme aus einem privilegierten Haushalt. Ich konnte studieren, feiern und das Leben leben, wie es für mich am Besten war. Ich gehe zum Fußball und habe ein Faszination für Gewalt, die auch ausleben kann. Wenn ich mich für etwas nicht mehr interessiert habe, konnte ich einfach damit aufhören und etwas neues beginnen. Dies ist nur die Spitze des Eisberges an Privilegien, die ich besitze. Am Wochenende sitzt man in einem Bus mit acht anderen Männern auf dem Weg zum Fußball, an Treffpunkten für Gewalt-Aktionen stehen nur Männer und im Stadion steht der männlich dominierte Teil des Blocks oberkörperfrei, Frauen in der Kurve werden entweder gar nicht erst gesehen, geschweige denn ernst genommen. Stattdessen machen sie Care Arbeit, d.h. sie organisieren, sammeln Geld oder planen Fahrten. Sexistische und homophobe Fangesänge schallen jedes Wochenende durch die Stadien. Wenn Frauen in Männerrunden kommen, werden die Themen geändert oder sich angeschwiegen, bis die Person wieder geht. Häufig sind für die „Kumpels“ die romantischen Beziehungen nur „die Freundin von“. All diese Dinge sind nur ein Bruchteil von meinem Erlebten. In diesen Runden wird auch nicht offen ausgesprochen, Frauen auszuschließen, aber sie werden es trotzdem jeden Tag, ob bewusst oder unterbewusst. Wieso distanziere ich mich nicht von einem solchen Umfeld oder spreche die Probleme offen an? Ich habe Angst vor Ausgrenzung und Kritik, also genau vor dem, was Frauen jeden Tag erleben. Es ist ernüchternd und diese Erkenntnis zeigt mir, dass ich noch lange nicht da bin, wo ich hin will.

Aber warum kann ich keine Fehler zugeben? Warum muss ich immer informiert sein und Recht haben? Wieso reagiere ich schnell, mit langen, erklärenden Sätzen, auch wenn ich etwas eigentlich nicht wirklich weiß, oder wenn eine Person etwas an mir kritisiert? Wieso nicke ich zur Problematik von Sexismus alles ab, aber verteidige mich, wenn Kritik an mir, mit meiner persönlichen Cis-Mann-Behandlung in der Welt zu tun hat oder haben könnte? Wenn ich zum Beispiel laut rede und wichtig klingende Wörter benutzte, um schlau und souverän zu wirken? Wieso lebe ich seit Jahren mit Frauen zusammen und in der häuslichen Corona-Quarantäne war ich zunächst derjenige, der am wenigsten Lust hatte zu kochen, aber gleichzeitig glaubte, bei verschiedensten politischen Projekten mitwirken zu müssen? Warum sind meine ersten fragenden Gedanken, wenn ich mir unbekannten, vor allem weiblich gelesenen Menschen, über den Weg laufe, ob ich diese oder jene Person attraktiv finde? Warum gucke ich Sexvideos, von viel zu dominanten, männlich gelesenen und vielfach erniedrigend abgebildeten, weiblich gelesenen Personen? Und wieso fühle mich dadurch erregt? Wieso habe ich lange die Gefahr von Femiziden nicht wirklich ernst genommen?

Teil der Bevölkerung von Tätern zu sein ist nicht schön. Vorteile von der Unterdrückung Anderer zu haben, ist für die Meisten kein angenehmes Gefühl. Aber die Augen vor den Privilegien zu verschließen, die ein weißer Cis-Mann wie Ich, mit akademischen Elternhaushalt und deutscher Staatsbürgerschaft in der Welt bekommt, macht die Machtverhältnisse nicht ungeschehen.

Was muss ich ändern, welche Verhaltensweisen meine ich? Ich möchte Gefühle kennen, erkennen, benennen und äußern können. Ja, auch Traurigkeit, Hilflosigkeit, die Angst alleine zu sein, alleine gelassen zu werden, zu scheitern, verletzt zu werden. Mir geht es nicht immer „gut“ und es bringt mir und meinen Mitmenschen überhaupt nichts, wenn ich mich und sie über meinen wahren Gefühlszustand belüge. Ich möchte weinen lernen und Schmerz fühlen. Ich möchte Verantwortung übernehmen und Schuld eingestehen. Ich möchte fragen: „Was kann ich ändern? Was wünschst Du Dir von mir?“ und die geäußerte Kritik, egal ob positiv oder negativ, annehmen und konstruktiv damit umgehen. Ich möchte anderen Menschen zuhören und mich für sie interessieren, mich solidarisch verhalten, etwas für sie tun ohne selbst davon zu profitieren. Ich möchte nicht so viel reden, keine ungefragten Antworten geben und ich möchte sagen können „Davon habe ich keine Ahnung“ und „Ich weiß es nicht“, statt selbstbewusst etwas zu behaupten. Ich möchte in der Öffentlichkeit mein T-Shirt anbehalten und anderen nicht meinen nackten Oberkörper aufzwingen. Meine Freundschaften mit Männern müssen sich ändern. Ich möchte tiefgründige Gespräche mit meinen männlichen Freunden führen und gemeinsam weinen, wenn uns danach ist. Ich möchte Männer zur Begrüßung, zum Abschied und auch sonst, als Zeichen meiner Zuneigung umarmen und fest an mich drücken. Ich möchte Frauen nicht auf ihr äußeres, auf ihren Körper reduzieren, weder in meinem Kopf, noch durch meine Worte. Dazu gehört auch das permanente und ungefragte Kommentieren der Frisur, des Make-Ups, der Kleidung, der Figur. Bei Männern würde mir das nie einfallen. Und wenn, dann spielt es absolut keine Rolle. Wenn ich Arbeit suche, befördert werden soll, wenn mich jemand um Hilfe bittet oder was auch immer, dann spielt mein Aussehen nie eine Rolle. Denn ich bin ja ein Mann. Ich möchte mir meiner Privilegien als Mann im Allgemeinen, als weißen, heterosexuellen, ablen[9] Mann im Spezifischen, bewusst werden und so gut ich kann verantwortungsvoll damit umgehen. Ich möchte eingreifen, wenn sich ein einzelner Mann, oder eine Gruppe von Männern, sexistisch äußert oder verhält. Und nicht schweigen und damit zustimmen. Ich möchte mich gegenüber Betroffenen sexualisierter Gewalt solidarisch verhalten, ihnen glauben und sie bedingungslos supporten.

Ich möchte mich bei allen Menschen bedanken, die mir dabei helfen. Diese Hilfe möchte ich aber weder erwarten, noch einfordern. Diese Veränderungsprozesse liegen in meiner eigenen Verantwortung.

Und es gibt so viel mehr, über das ich nachdenke. Seit ein paar Jahren mache ich mir z.B. Gedanken bzgl. meiner Sexualität. Erst seit kurzer Zeit schaffe ich es, einzelnen Menschen von meinen Bedürfnissen nach sexuellen Erfahrungen mit Männern zu erzählen. Für mich persönlich ist das ein komplexes und schwieriges Thema. Meine ersten sexuellen Erfahrungen habe ich mit männlichen Freunden gemacht. Im Alter von 9-12 Jahren habe ich mit verschiedenen Jungen masturbiert, voreinander, an uns selbst und gegenseitig. Wir haben uns nichts dabei gedacht, vor allem nichts Negatives. Geredet haben wir allerdings auch nicht darüber. Bald war in meinem Umfeld, in dem ich mich tagtäglich bewegt habe - das war die Schule, mein Freundeskreis und die Fußballmannschaft - klar, dass Männer nicht andere Männer begehren, geschweige denn sexuelle Handlungen miteinander teilen können. Es wurde abgewertet und negativ konnotiert (das Wort „schwul“ wurde als Schimpfwort missbraucht) und wir mussten uns das Gegenteil beweisen. Das funktionierte stets mit Gewalt (Schlägereien, Mobbing), durch die Abwertung von von uns als weiblich wahrgenommene Attribute (die Farbe pink, Popmusik, Gefühle zeigen, etc.) oder der Hervorhebung der eigenen Männlichkeit (möglichst stark sein, Mutproben, Fußball spielen, usw.). Meine ersten gleichgeschlechtlichen Erfahrungen hätten eine schöne Erinnerung bleiben, oder der Beginn einer in welche Richtung auch immer sich entwickelnde Sexualität werden können. Stattdessen habe ich sehr schnell Scham empfunden und Angst entwickelt, meine anderen Freunde könnten es herausfinden. Heute weiß ich, dass ich mich nicht dafür schämen, oder dass es mir unangenehm sein muss. Aber diese Gefühle sitzen tief. Den Zugang zu unterbewussten Bedürfnissen muss ich mir erst wieder erarbeiten.

Ich würde mir wünschen, dass ich es schaffe häufiger zuzugeben, wenn mir körperliche und emotionale Nähe fehlt, und das auch bei meinen männlichen Freunden zu suchen. Dass ich es schaffe, mich verletzlich zu zeigen und zuzugeben, wenn ich traurig, enttäuscht oder einsam bin. Dass ich nicht immer souverän und im Recht sein muss, sondern Kritik annehmen und meinem Gegenüber es somit auch leichter mache, letztere zu äußern. Und ganz besonders würde es mich freuen, wenn Cis-Männer öfter über problematische Verhaltensweisen miteinander reden, aber auch ihre Gefühle und Ängste teilen würden. Denn mit dem Thema von sexualisierter Gewalt konfrontiert, reagieren wir entweder mit Aggressionen, Abwehr oder Scham und können so nur schwierig Betroffenen zuhören und unterstützen. Und ich meine wirklich zuhören. Auch das fällt mir immer wieder schwer, ohne die andere Person zu unterbrechen. Dominantes Redeverhalten und sexualisierte Gewalt gehen vor allem von Cis-Männern aus und werden durch Verhaltensweisen, die ich bei mir wiedererkenne, reproduziert. Es sollte also nicht immer die Arbeit von FLINT-Personen sein, es anzusprechen.

Vielleicht möchte ich mich auch als Cis-Mann in verletzlichen und schwachen Situationen mitteilen können, ohne dabei von Schamgefühlen gehemmt zu sein. Vielleicht freut es mich, wenn Menschen mir ihre Gefühle mitteilen. Vielleicht sollte ich weiblich und männlich gelesenen Personen keine Genderidentität unterstellen und auch nicht dauernd als potenzielle Sexualpartnerinnen oder Konkurrenz wahrnehmen. Vielleicht sollte ich zweimal überlegen, welche Art von Sex-Videos ich mir angucke und verstehen, dass Kategorien auf Pornoseiten wie „Latina“ oder „Indian“ exotisierend und rassistisch sind, und keine harmlose „Typ-Frage“. Vielleicht möchte ich eigentlich gar nicht so oft Sex haben, sondern lieber mit Personen, für die ich romantische Gefühle habe, kuscheln und sie küssen. Vielleicht sollte ich häufiger zuerst nachfragen, ob die andere Person das auch möchte, egal wie lange wir uns schon kennen.

Und ganz vielleicht, schaffe ich es auch irgendwann, diese genannten Sätze nicht mit ´vielleicht´ anzufangen, sondern einfach so zu sagen.



Abschluss und Aufruf

Es gibt noch so viel mehr, über das wir nachdenken, reden und schreiben möchten. Und das wollen und werden wir auch. Wir wollen aber diesen Text und unsere Gedanken nicht überbewerten. Wir haben keine Ahnung, was andere Menschen dazu denken. Wir hoffen, dass wir niemanden wütend oder traurig machen, sondern im Gegenteil, wir möchten andere Cis-Männer dazu ermutigen, sich ebenfalls Gedanken zu ihren eigenen Verhaltensweisen zu machen, im Austausch mit anderen zu lernen und Veränderungen voran zu treiben.

Der vierwöchige Prozess aus sich Treffen, Gedanken austauschen und Text produzieren hatte für uns bereits erkennbare Effekte: wir haben uns unabhängig voneinander Mühe gegeben, ganz bewusst über Gefühle zu reden, tiefgründige Gespräche mit anderen Männerfreunden zu führen und einzufordern, aber auch mit Betroffenen zu reden, zuzuhören und Kritik anzunehmen und umzusetzen. Uns geht es auch hierbei ähnlich. Es ist sehr anstrengend[10]. Aber es lohnt sich.



[1]

[2]

[3]

[4] Cis-Männer sind Personen, in deren Fall das bei der Geburt zugewiesene männliche Geschlecht, mit der empfundenen Geschlechteridentität, übereinstimmen

[5] Frauen, Lesben, Intersexuelle, Nicht-binäre, Trans-Personen

[6] "Victim blaming oder blaming the victim, deutsch Täter-Opfer-Umkehr und Opferbeschuldigung ist die Beschreibung für ein Vorgehen, das die Schuld für einen Übergriff beim Opfer selbst sucht." https://de.wikipedia.org/wiki/Victim_blaming

[7] „Mit einem Euphemismus wird etwas, was eine möglicherweise anstößige oder unangenehm wirkende Bezeichnung hat, beschönigt, verhüllt oder sprachlich gemildert.“



[8]

[9] Als able-bodied werden Körper bezeichnet, die gesellschaftlich als psychisch und physisch gesund gelten.

[10] Natürlich steht unsere Anstrengung in keinem Verhältnis zu der tagtäglichen Konfrontation mit Sexismus und anderen Formen der Diskriminierung. Das wollen wir unter keinen Umständen relativieren. Wir können uns selbst aussuchen, ob wir uns damit beschäftigen wollen oder nicht. Wir möchten damit lediglich ausdrücken, dass wir uns nicht ständig auf die Unterstützung anderer Menschen, vor allem FLINT, verlassen oder damit rechnen dürfen.



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