Spaziergang auf den Spuren der Besetzung der Liebigstraße 34 vor 30 Jahren


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von: solidarische Nachbar*innen, veröffentlicht am: 2020-07-07

Webadresse: https://umkaempftes-wohnen.de/post/622738319473770496/stadtteilsolidarität-bis-heute

Regionen: Berlin-Friedrichshain

Themen: Kultur Soziale Kämpfe



Das Wohnprojekt Liebigstraße 34 feierte am letzten Wochenende seinen 30ten Geburtstag mit viel Musik und Kultur auf dem Dorfplatz vor dem Haus. Doch wer was über die wechselvolle Geschichte des Hausprojekts erfahren wollte, musste am dem Spaziergang teilnehmen, der den Weg ging, den Stino vor 30 Jahren unternommen hatte.


Stino steht für stinknormal, so wurde der Mann, der seinen Passnamen nicht veröffentlichen will, vor 30 Jahren in Besetzer\innenkreisen genannt. Er lebt schon lange nicht mehr in Berlin. Doch die Geschichte der Hausbesetzung war auch die Geschichte seiner Politisierung. Daher hat sie ihn auch später weiter beschäftigt. Im letzten Jahr veröffentlichte er unter dem Titel "Stino - Von West nach Ost durch Berlin 1990" ein Buch über die Geschichte der Ostberliner Besetzer\innenbewegung vor 30 Jahren. Es ist natürlich ein sehr subjektives Buch, weil es eben aus der Perspektive von Stino geschrieben ist. Am letzten Wochenende ist er zum Hausgeburtstag wieder nach Berlin gekommen, um für Interessierte noch einmal den Weg zu gehen, der im Juli 1990 zur Besetzung der Liebig 34 geführt hat.



Als sich Wohnungssuchende noch ohne Makler\*innen trafen



Der Spaziergang begann am vergangenen Sonntag um 14 Uhr in der Nähe des S-Bahnhofs Warschauer Straße, der damals der Startpunkt für Menschen waren, die wie Stino dringend eine Wohnung suchten. Am 5. Juli fanden sich wieder über 50 Interessierte ein, die mehr über die Geschichte der Liebig 34 wissen wollten. „So viel waren wir damals auch“, sagte Stino spontan. Aber ein Unterschied zu damals fiel ihm sofort auf. Zwei Polizeiwannen standen in der Nähe des Kiezspaziergangs. Von der Ostberliner Volkspolizei, die damals noch für Ostberlin zuständig war, hatten wir vor 30 Jahren nichts gesehen“, erklärte Stino. Aber am vergangenen Sonntag hielt sich die Polizei auch zurück und versuchte nicht, wie öfter in Friedrichshain, Organisator\*innen von Kiezspaziergängen wegen Nichtanmeldung einer Demonstration und damit Verstoß gegen das Versammlungsgesetz zu kriminalisieren. Vielleicht trug dazu auch ein Gerichtsurteil von vor 2 Wochen bei, dass einen solchen Kriminalisierungsversuch zurückwies und klarstellte, dass ein Kiezspaziergang keine Demonstration ist. Stino erklärte zu Beginn, wie bunt zusammengewürfelt die Menschen waren, die sich vor 30 Jahren zur Wohnungsinspektion getroffen hatten. Es gab Jüngere und Ältere, viele kamen in kleinen Gruppen, andere waren wie Stino alleine gekommen. Sie alle einte nur, dass sie eben eine Wohnung suchten. Stino berichtet auch, wie die Menschen in die vielen leerstehenden Wohnungen gingen und sie darauf inspizierten, ob sie noch bewohnbar waren, wie die Beschaffenheit der sanitären Anlagen und der Zustand der Öfen aussah. Mit der Zeit sei der Kreis immer kleiner geworden. Einige seien weggegangen, aber die meisten hätten ein Haus gefunden, in das sie eingezogen sind, erinnert sich Stino. Er habe es schon mit der Angst zu tun bekommen, weil er befürchtete, kein Haus zu finden, obwohl er in wenigen Tagen sein Zimmer, dass er temporär gemietet hatte, räumen musste. Etwas mehr Mut bekam er wieder, als ihm eine Frau und ein Mann versicherten, dass sie auch noch am gleichen Tag ein Haus zum Wohnen finden wollten.